Vorwärts Spezialausgabe zum internationalen Frauenkampftag: Einige Gedanken zum Manifest zum Frauen*streik

Artikel als PDF: zum Manifest zum Frauen*streik

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BFS Frauen Zürich. Anfang Januar wurde das von der überregionalen Gruppe Collectifs romands pour la grève féministe et des femmes* geschriebene Manifest auf der schweizweiten  Website frauenstreik2019.ch veröffentlicht. Es umfasst 19 Punkte: Diese beinhalten Arbeit – Lohnarbeit und unbezahlte Arbeit,  Sexualität und Körperlichkeit, Gewalt, Migration, Kultur und  Medien sowie öffentlicher Raum und Politik. Das Manifest verdeutlicht, dass die verschiedenen Punkte von verschiedenen  Frauen* aus verschiedenen Zusammenhängen erarbeitet wurden. Das Manifest spiegelt somit die Heterogenität der Frauen* und LTIQ+ (Lesben, Trans, Inter, Genderqueer+) in den Kollektiven  wieder. Die Heterogenität ist zentral für soziale Bewegungen, wie sie ein Frauen*streik darstellt. Sie lässt erkennen, dass viele  verschiedene Frauen* und LTIQ+ Gründe haben, um zu streiken.
Wir haben uns mit dem Manifest auseinandergesetzt und es  diskutiert. Wir erachten die Punkte als wichtige Beiträge, welche die Grundlage für einen breiten und starken Frauen*streik am 14. Juni bieten. Für uns gibt es drei Punkte, welche wir als inhaltliche Ergänzung für die Diskussionen in den diversen  Frauen*streikkollektiven formulieren möchten.
Für einen kämpferischen Frauen*streik am 14. Juni 2019 und darüber hinaus.
Die Vielfältigkeit der Forderungen im Manifest lässt schnell erkennen, dass die Diskriminierung von Frauen* und LTIQ+ nicht mit einem eintägigen Frauen*streik aus der Welt ist. Vielmehr  erhoffen wir uns vom Frauen*streiktag am 14. Juni einen  Startschuss für eine weitergehende feministische Vernetzung und Organisierung. Eine Ergänzung des Manifests dazu, dass wir  Frauen* und LTIQ+ uns über den Streiktag hinaus vernetzen und
weiterkämpfen müssen, würde bereits jetzt die Grundlage für eine  längerfristige Perspektive des Widerstands schaffen. Die Frage der Organisierung und Mobilisierung auf den Frauen*streiktag würde dementsprechend bereits über den 14. Juni hinausweisen. Wenn nur auf den 14. Juni hin geplant wird, wird dieser Tag wunderbar, kraftvoll und gross. Am nächsten (Mon-)Tag aber läuft vieles weiter wie zuvor – mit der wertvollen Erfahrung des kollektiven und  solidarischen Moments des Frauen*streiks. Um das riesige Potential
dieser Erfahrung für eine feministische Mobilisierung der  Gesellschaft zu nutzen, sollte bereits unsere Organisierung auch den Tag danach miteinbeziehen. Heute erleben wir in der Zeit des neoliberalen Kapitalismus eine gesamtgesellschaftliche Krise der Verteilung von Arbeit, Vermögen und Ressourcen. Von dieser Krise sind gerade Frauen* und LTIQ+ am stärksten betroffen. Durch Sparprogramme und sogenannte Restrukturierungen werden viele zuvor im Zuständigkeitsbereich der gesamten Gesellschaft als  Service Public geleistete Aufgaben wieder zurück an Frauen* delegiert. Egal ob Spielgruppen geschlossen oder Patient*innen früher aus dem Krankenhaus entlassen werden, in den meisten Fällen springen Frauen* ein. Und dieser Entwicklung können wir nur entgegenwirken, wenn wir uns langfristig organisieren. Auch der Blick auf den ersten schweizweiten Frauenstreik 1991 zeigt, dass eine langfristige Perspektive und Auseinandersetzung wichtig ist, damit diese Bewegung nicht wieder zerfällt. Es ist somit wichtig, den 14. Juni als Startschuss einer breiten und kämpferischen  feministischen Bewegung anzusehen, um tatsächlich einen gesellschaftlichen Einfluss zu entwickeln. Dabei ist absehbar, dass es neben anderen Kampfformen manch einen Frauen*streik mehr brauchen wird, bis wir einen gesellschaftlichen Wandel erkämpft  haben werden, der eine wahre Emanzipation der Frauen* und LTIQ+ mit sich bringt.
Internationale Kämpfe
Frauen* und LTIQ+ auf der ganzen Welt organisieren sich und streiken. In Polen, Argentinien, Italien, Spanien, Brasilien, USA und Indien entfachten sich feministische Kämpfe, unterstützt von Millionen. Menschen organisieren sich gegen Gewalt an Frauen*
und LTIQ+, für legale Abtreibung, gegen Ausbeutung und  Rassismus. Und die Speerspitze dieser sozialen Kämpfe sind  Frauen*. In prekären Arbeits- und Lebensbedingungen, Rassismus ausgesetzt und armutsbetroffen kämpfen sie für eine Umverteilung von Macht und Ressourcen. Diese vielen regionalen und nationalen Aktionen erhielten den Charakter einer globalen feministischen Bewegung, als gemeinsam am 8. März 2018 gestreikt wurde. Der internationale Frauen*kampftag wurde als Symboltag wieder ins Zentrum gerückt und verbindet die Kämpfe von Frauen* und LTIQ+ auf der ganzen Welt. Auch in der Schweiz wirken die zahlreichen internationalen Frauen*kämpfe als Inspiration.
Doch leider wird der Bezug selten explizit gemacht. So wurde für den Frauen*streik 2019 in der Schweiz das historische Datum des 14. Juni gewählt – auch damit genügend Zeit zur Vorbereitung  bleibt. Nun ist es aber so, dass auch dieses Jahr wieder am 8. März
weltweit zahlreiche Frauen*streiks stattfinden. Diese werden uns motivieren und inspirieren.
Umso mehr scheint uns ein expliziter internationaler Bezug im  Manifest notwendig, um trotz des anderen Datums Teil der weltweit erstarkenden Frauen*bewegung zu sein. Eine Abwesenheit der internationalen Perspektive verschleiert die Tatsache, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ein globales Problem ist, welches auch global bekämpft werden muss.
Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Kapitalismus
Auf der ganzen Welt werden Menschen in die Kategorie «Mann» oder «Frau» eingeteilt. Diese Kategorien unterstehen einer  Hierarchie: Frauen* und ihre Arbeit werden abgewertet, schlechter bezahlt und sind (sexualisierter) Gewalt ausgesetzt. Frauen* arbeiten beispielsweise öfter Teilzeit. In der Schweiz sind es im Jahr 2017 59% aller Frauen* und nur 18% aller Männer*. Frauen* leisten auch einen Grossteil der unbezahlten, unsichtbaren Hausarbeit. Das Bundesamt für Statistik der Schweiz gibt für das Jahr 2016
folgende Zahlen heraus: Mütter (jüngstes Kind 0-7 Jahre) arbeiten 58.8 Stunden in der Woche unbezahlt, bei Vätern in der gleichen Situation sind es 33.9 Stunden. Von diesen vielen Stunden unbezahlter Arbeit profitieren die Unternehmen enorm. Denn es sind Milliarden Arbeitsstunden für die gesellschaftliche soziale Reproduktion, welche nicht anerkannt, geschweige denn entlöhnt werden. Im Jahr 2016 wurden in der Schweiz 9.2 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit geleistet. Diese zu zwei Dritteln von Frauen*
verrichtete unbezahlte Arbeit macht sogar im Vergleich zur bezahlten Arbeit von 7.9 Milliarden Stunden einen signifikant grösseren Anteil der Arbeit aus. Der «Wert» dieser unbezahlten Arbeit wird auf 408 Milliarden Franken geschätzt. Dieses ganze Geld kommt nicht den Arbeiter*innen zugute, sondern den Unternehmen, die nichts für diese geleistete Arbeit bezahlen müssen, obwohl sie darauf angewiesen sind, dass diese Arbeit erledigt wird.
Die Ungleichheit geht über die geschlechterspezifische  Arbeitsteilung bei der unbezahlten Arbeit hinaus. Auch in der Erwerbsarbeit wird «Frauenarbeit» abgewertet und schlechter
bezahlt. Im Schnitt verdienen Frauen* noch immer 20% weniger als Männer. Diese Differenz beruht nicht allein auf der tieferen Entlöhnung der Frauen* für die gleiche Arbeit, sondern ebenfalls auf den tiefen Löhnen in feminisierten Berufen. Es gibt ganze Branchen,
die schlechter bezahlt sind, und in denen hauptsächlich Frauen* arbeiten. Der ganze Pflege- und Betreuungsbereich, aber auch Reinigung und Verpflegung gehören dazu. Arbeiten, welche in diese Branchen gehören, werden als «natürliche Eigenschaften» der
Frauen* propagiert. Diese Ansicht führt zu der Überzeugung, dass Frauen* für das Ausüben eines solchen Berufs keine qualifizierte Ausbildung bräuchten, weshalb sie schlechter entlohnt und überhaupt nicht wertgeschätzt werden. Die Annahme, dass Frauen* besser mit Kindern umgehen können, weil sie eine Gebärmutter haben und biologisch fähig sind, Kinder zu gebären, ist falsch! Weder haben alle Frauen* eine Gebärmutter und können oder wollen Kinder bekommen, noch können Männer weniger gut mit Kindern umgehen. Doch auch hier profitieren schlussendlich Unternehmen davon, dass zum Beispiel KiTa-Angestellte zu niedrigstem Lohn Schwerstarbeit verrichten, bei der sie ungesunder Lautstärke, Krankheiten, Unterbesetzung und Stress sowie moralischem Druck ausgesetzt sind, nur weil das angeblich natürliche Arbeit von Frauen* sei.
Diese geschlechterspezifische Arbeitsteilung in Reproduktions- und Erwerbsarbeit treibt Frauen* in ökonomische Abhängigkeiten. So ist die Arbeitslosenquote von Frauen* höher als diejenige der Männer* und auch die Mehrheit der Sozialhilfebezüger*innen sind Frauen* – unter ihnen viele alleinerziehende Mütter. Frauen* erhalten im  Schnitt ein Drittel weniger Rente als Männer*. Die Mehrheit der Menschen, deren Renten ausschliesslich aus der AHV bestehen und die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind, sind ebenfalls weiblich. Somit sind Frauen unter anderem aufgrund der  strukturellen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt sehr viel stärker dem Problem der Armut ausgesetzt als Männer. Die Personen und Institutionen/Unternehmen, welche von dieser geschlechtsspezifischen Ungleichheit profitieren, haben kein Interesse, etwas an diesem Umstand zu ändern. Solange es also im Interesse der Unternehmen (KMU wie Weltkonzerne) ist, ihren Profit zu steigern, so lange werden sie sich immer gegen konsequente Gleichstellung wehren. Und solange wir in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem leben, welches darauf
ausgerichtet ist, dass nur diejenigen ein gutes Leben führen, welche ihren Profit ständig vergrössern, solange wird sich auch an den Interessen der Unternehmen nichts ändern.
Wir müssen also, um die konsequente Gleichstellung aller Geschlechter zu erreichen, für ein neues Wirtschafts- und  Gesellschaftssystem einstehen, indem wir den Kapitalismus als Motor der bestehenden Diskriminierung und Ausbeutung aufgrund von class, race und gender benennen.
Gemeinsam solidarisch und kämpferisch zum Frauen*streik! Dieser Artikel stellt einen Beitrag der BFS Zürich zur Debatte rund um das Manifest dar. Wir freuen uns auf den Austausch in den kommenden Monaten